Mittwoch, 31. August 2011

Kontroverse nach Lahms Schwulenäußerungen - „Was passiert unter der Dusche?“

Mmh, Philipp Lahms Aussage, dass er nicht schwul ist und kein Profifußballer sich outen soll, bringt wie's aussieht ein paar große Diskussionen ins Rollen.


Kontroverse nach Lahms Schwulenäußerungen
„Was passiert unter der Dusche?“

Dienstag, 30.08.2011, 16:51

Die Äußerungen in Philipp Lahms Buch lassen die Debatte aufleben: Warum kennt man keinen einzigen schwulen Kicker? Und sollten sich Profis outen? Der Lesben- und Schwulenverband kritisiert Lahm.



Ein schwuler Noch-Außenminister, ein schwuler regierender Bürgermeister in Berlin – aber kein einziger prominenter schwuler Kicker weit und breit: Die merkwürdige Schieflage des Profifußballs fällt auf. Auf von fünf bis zehn Prozent an der Bevölkerung schätzt der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland den Anteil jener Menschen, die dem eigenen Geschlecht zugetan sind. Unterstellt man eine ähnlicher Verteilung im Fußball, würde der Kader jedes Bundesligisten ein bis zwei schwule Kicker aufweisen. Aber wo sind sie, die schwulen Leverkusener, Dortmunder, Bremer oder Bayern? Man kennt sie nicht.

„Ich bin nicht schwul“, hat Phillipp Lahm in seinem Buch geschrieben. Genau darüber war immer wieder spekuliert worden. Aber Lahm hatte auch geschrieben: „Ich würde keinem schwulen Fußballer raten, sich zu outen“. An genau dieser Empfehlung scheiden sich die Geister. Outing oder nicht? Und wenn ja, wann und wie?

Fußball ohne Demokratisierungsprozess

„Ich kann Philipp Lahm mit seiner Empfehlung verstehen. Die Situation im Fußball ist eine ganz besondere“, sagt Renate Rampf, Sprecherin des Lesben- und Schwulenverbandes in Deutschland (LSVD). „Wirtschaft und Politik sind einem starken Demokratisierungsprozess unterworfen – der Profifußball bislang nicht“, sagt Rampf. Und sagt im Hinblick auf die Mitspieler: „Bei den Vereinen gibt es doch die Sorge: Was passiert unter der Dusche?“ Gerd Liesegang, Vizepräsident des Berliner Fußball-Verbandes, zielt eher auf das Publikum als die Mitspieler. „Der Zuschauer ist einfach noch nicht so tolerant. Vielleicht die Anhänger der eigenen Mannschaft – aber nicht die Zuschauer des Gegners“.

Der Begriff „schwul“ ist ein weit verbreitetes Schimpfwort. Das trifft nicht nur Spieler, sondern auch Schiedsrichter. Ob „blinde Bratwurst“ oder wahlweise „schwarze“ oder „schwule Sau“ – die sexuelle Präferenz dient als Mittel zum Zweck der Beleidigung. Und 30 fanatische Zuschauer sehr nahe am Rand eines Kreisliga-Platzes können dann wohl ähnlich bedrohlich wirken wie 30 000 auf den entfernteren Rängen eines Erstliga-Stadions.

Versteckspiel kostet Kraft

Angst vor diffusem Mobbing, vor Sanktionen durch Mitspieler, Verein oder Sponsoren dürften die wichtigsten Gründe für Fußballer sein, sich nicht zu ihrer Präferenz zu bekennen. Einfach ist dieses Leben nicht. „Ein Doppelleben zu führen, ist außerordentlich anstrengend. Die Energie, die man für dieses Versteckspiel braucht, ist beträchtlich“, sagt Rampf, „aus unserer Sicht ist das Outing für den Betroffenen dann eine unglaubliche Erleichterung.“

Rampf sieht die Abgrenzung, die Lahm mit seinem Rat zur Verschwiegenheit ausspricht, deswegen auch kritisch. „Was Lahm macht – zu sagen: Ich bin nicht schwul – und ich rate niemandem, sich zu outen – finde ich nicht gut. Wir freuen uns über jeden Fußballer, der sagt: Ich unterstütze Euch. Jede Benennung des Themas Homosexualität und Fußball ist löblich,“ sagt Rampf.

Traum bleibt das Gruppenouting

Der Berliner Fußball-Verband, der inzwischen eine Kooperation mit dem Lesben- und Schwulenverband praktiziert, schickt outingwillige Kicker zu den dortigen Spezialisten. „Dann läuft der Weg zum Outing professionell“, sagt Liesegang. Seine Ideallösung liegt ohnehin jenseits des Individuellen. „Es sollte sich eine größere Gruppe von Fußballern gleichzeitig outen“.

An die 40 Erstliga-Kicker, die gemeinsam sagen: Ja, wir sind schwul – na und? Darauf wird die Fußball-Bundesliga wohl noch lange warten müssen.


Von FOCUS-Online-Redakteur Martin Vogt

Quelle

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